Václav Vorlíček

* 03.06.1930 in Prag

 

1951-1956 Besuch der Filmhochschule FAMU
zunächst als Regieassistent
seit den 1960er Jahren als Regisseur bei den Filmstudios Barrandov

Auszeichnungen (Auswahl)
1996 1. Preis der Kinderjury beim Internationalen Kinderfilmfestival in Zlín
für Kouzelný méšec
2002 Preis des Kinderfilmfestivals Ota Hofmann in Ostrava
für Mach, Šebestová a kouzelné sluchatko
2006 Ehrenschlingel für sein Lebenswerk des Filmfestivals Schlingel in Chemnitz


Václav Vorlíček hat seit Direktiva über 30 Filme gedreht und ein Ende ist nicht abzusehen. 2011 kam die Fortsetzung von "Saxana - das Mädchen auf den Besenstiel" in die tschechischen Kinos. Die Schauspielerin der Saxana spielt die Mutter der ca. 10-jährigen Heldin - sie ist natürlich auch eine Hexe. Diese für die deutschen Fans neue Information gab Vorlíček am 4.10.2006 in der MDR-Talksendung "Riverboat" bekannt. Zu Gast war der recht gut Deutsch sprechende Regisseur aus Anlass des Chemnitzer Kinderfilmfestivals "Schlingel", wo er einige Tage später geehrt werden sollte. Das gesamte ca. zehnminütige Gespräch aus "Riverboat" kann man sich hier anhören (Danke an Udo aus Zwickau!).

Man muss also nicht mit der Arbeit aufhören, um trotzdem schonmal Preise für sein Lebenswerk zu bekommen. So geschehen am 12.10.2006 in Chemnitz. Der in diesem Jahr erstmals verliehen Ehrenschlingel für ein Lebenswerk ging auf dem 11. Internationalen Filmfestival für Kinder und junges Publikum "Schlingel" an den tschechischen Regisseur. Wie es in der Pressemitteilung vom 28. August heißt, ist Vorlíček seit vielen Jahren dem Sächsischen Kinder- und Jugendfilmdienst und dem Schlingel "freundschaftlich verbunden", so dass "diese Ehrung eine Herzensangelegenheit" war. Schon 2000 hatte Vorlíček in Chemnitz den ersten Publikumspreis bekomen - für "Falkner Thomas".

Diesmal wurde der Preis von Thomáš Podivínský überreicht, dem tschechischen Generalkonsul in Dresden. Vorlíček freute sich sichtlich. Nicht nur über die Ehrung auf dem Chemnitzer Festival, dem er ein "gutes Niveau" und eine "in Europa eine hohe Bekanntheit" bescheinigte. Darüberhinaus fand er es passend, mit einem "Schlingel" ausgezeichnet zu werden, sei er doch selber früher ein Lausbub gewesen und "das Zentrum der Störung" für seinen Schullehrer.

 

Der "Schlingel" ist eine Holzfigur und originellerweise fand die Verleihung nicht in einem Kino oder einem Festsaal statt, sondern in den Räumen der Kunsthandwerkmanufaktur Blank in Grünhainichen. Neben der Erstellung von Filmpreisen ist diese Firma unter anderem international für die hübschen Faltenrock-Weihnachtsengel bekannt. Und wie der Zufall so will, schaute der heutige Geschäftsführer 1973 zufällig bei den Dreharbeiten in Moritzburg zu. Laut eines Zeitungsberichtes hielt er sich im Urlaub dort auf.

 

Obwohl nur solche wichtigen Menschen an der Preisverleihung teilnehmen durften, zog Anwesenheit in der erzgebirgischen Provinz auch andere in ihren Bann. So schreibt mir ein bekennender Aschenbrödel-Fan: "1975 habe ich im Nachbarort Borstendorf das erste Mal im Kino 3HfA gezeigt. Ich war damals so begeistert, daß ich nie im Traum daran gedacht hätte, Vacláv Vorlíček käme jemals in die Gegend. Ja, ja es werden manchmal doch Märchen wahr."

(Ich danke an dieser Stelle ganz herzlich Thomas Reinhardt vom "Schlingel" und Ulli Richter für ihre Hinweise und die freundliche Überlassung ihrer Materialien!)

Zu Vorlíčeks 70. Geburtstag gratulierte Gert K. Müntefering, langjähriger Redakteur beim WDR, mit einem Artikel in der Ausgabe der Zeitung des WDR "WDR print" vom 1.11.2001. Darin bezeichnet der Autor Drei Nüsse für Aschenbrödel als "Geniestreich" und berichtet, wie er Vorlíček und Macourek überzeugte, "dass sie jetzt mal eine Serie für den WDR und das tschechische Fernsehen schreiben sollten - so eine Mischung aus Zivilisation und Märchen und reichlich Komik, ein wenig schwarz dürfte sie auch sein." Die Märchenbraut wurde geboren. Eine Serie, der Müntefering zu Gute hält, dass sie "verrücktes Fernsehen von normalen Leuten" als neue Idee in die Fernsehlandschaft gebracht habe.

 

Dabei hat Vorlíček das Handwerkliche an seinem Beruf wohl immer sehr ernst genommen. "So gab es nie große künstlerische Theorien. Es sollte auch nichts verbessert werden, nicht der Merchandising-Erlös, schon gar nicht die Welt - vielleicht das 35-mm-Negativ, obwohl Orwo-Positiv auf Technicolor im Fernsehen gut kam. Geschichtenerzähler! Das war anspruchsvoll genug..." schließt Gert K. Müntefering seinen Artikel.

 

Aber nicht nur Vorlíčeks Drehbuch- und Regiearbeit begeistert: "Seine Prinzessinnen sind die schönsten, allen voran Libuše Šafránková in dem Film DREI NÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL" findet das Freiburger Medienforum. Das haben wir natürlich schon immer gewusst, denn "...wer mit Vorlíčeks Prinzessinnen aufwuchs, wird ohnehin Tschechinnen für die schönsten Frauen der Welt halten" so die Berliner Zeitung.

 

Doch Vorlíček scheint an seine einstigen Erfolge nicht anknüpfen zu können. Sein bisher letzter Film Der Feuervogel (1999) wurde von der Kritik sehr unterschiedlich aufgenommen. "Václav, Václav, was ist aus dir geworden?" klagt Tobias Matkowitz im Online-Magazin "mucke und mehr". Uwe Mies und Edda Bauer erklären für das Filmarchiv des city-guide.de, dass Der Feuervogel sich "mit seinen billigen Blitz-und-Donner-Effekten und unbeholfenen Szenenbildern näher an amerikanischem Fantasy-Trash der frühen 80er ("Ator" oder auch "Beastmaster") als in mitteleuropäischen Märchenwäldern" befindet.

Auch die Tricks bei Drei Haselnüsse für Aschenbrödel zeugen ja nicht gerade von extremen Kosten und ausgefeilten Spezialtechniken. Aber das erhöht eher den nostalgischen Charme unseres Lieblingsfilms. Außerdem brauchen die süße Libuše und die geniale Story keine aufwändigen Computeranimationen.

 

A propos Story: Wer sich mal die Zeit genommen hat, das "Original"-Märchen von Božena Němcová zu lesen, der wird - wie Dieter Matthias - bemerkt haben, dass es kaum etwas mit dem Film gemein hat. Gewisse "Motive", wie es im Vorspann heißt, sind wiederzufinden. Aber die selbstbewusste bis emanzipatorische Grundaussage, die dem Film erst "Charme, Witz und Finesse" geben, welche beim Feuervogel so schmerzlich vermisst werden, sucht man in Němcovás Märchen vergebens. Matthias hält die Umgestaltung der in aller Welt bekannten Erzählung für Vorlíčeks Verdienst, der die emanzipatorischen Tendenzen "aus der Biographie der Autorin Němcová geschöpft" habe.

Damit hat Vorlíček (zusammen mit den Drehbuchautoren Bohumila Zelenková und František Pavlíček) einen "großartigen Märchenfilm" (Matkowitz) abgeliefert, ja "eine kultige Großtat von zeitlosem Zauber" getan (Mies und Bauer). Nicht umsonst ist Drei Haselnüsse für Aschenbrödel auf dem Jugendfilmfestival in Zlín zum "Märchenfilm des 20. Jahrhunderts" gekürt worden. Und wenn dies tatsächlich der einzige von Vorliceks zahlreichen Filmen sein sollte, der das Publikum über so lange Jahre derartig begeistert (und diese Website ist der beste Beweis dafür), dann, finde ich, hat sich die Mühe schon gelohnt.

Filmografie

Jahr Titel Deutscher Titel
1949 Direktiva (Buch und Regie; FAMU)  
1953 Politická karikatura (Regie)  
1954 Muzikanti (Buch und Regie; Kurzfilm für die FAMU)  
1960 Případ Lupínek (Buch mit Josef Brukner und Regie)  
1962 Kuřata na cestách (Regie)  
1964 Marie (Buch und Regie)  
1966 Kdo chce zabít Jessii? (Buch mit Miloš Macourek und Regie)  
1967 Konec agenta W4C prostřednictvím psa pana Foustky (Buch mit Oldřich Danek und Regie) Das Ende des Geheimagenten W4C
1970 Pane, vy jste vdova! (Buch mit Miloš Macourek und Regie)  
1971 Dívka na koštěti (Buch mit Miloš Macourek) Das Mädchen auf dem Besenstiel (Ost) Saxana, die Hexe (West)
1972 Smrt si vybírá (Buch und Regie) Der Tod ist wählerisch
1973 Tři oříšky pro Popelku (Buch mit Bohumila Zelenková bzw. František Pavlíček und Regie) Drei Haselnüsse für Aschenbrödel
1974 Jak utopit dr. Mráčka aneb Konec vodníků v Čechách (Buch mit Petr Markov und Miloš Macourek und Regie) Wie soll man Dr. Mracek ertränken? oder Das Ende der Wassermänner von Böhmen
1975 Dva muži hlásí příchod (Buch mit Gustav Oplustil und Regie)  
1976 Bouřlivé víno (Buch mit Miloš Macourek und Regie)  
1977 Což takhle dát si špenát (Buch mit Miloš Macourek und Regie) Wie wär's mit Spinat
1977 Jak se budí princezny (Regie) Wie man Dornröschen wachküßt
1978 Princ a Večernice (Buch und Regie) Der Prinz und der Abendstern
1979 Arabela (Regie) Die Schöne Arabella und der Zauberer (Ost) Die Märchenbraut (West)
1981 Zralé víno (Buch mit Jan Kozák, Miloš Macourek und Svatopluk Novotný und Regie)  
1982 Zelená vlna (Regie)  
1984 Dábel ví hodne (TV, Regie)  
1984 Létající Cestmír (TV; Buch und Regie) Der Fliegende Ferdinand
1984 Rumburak (Regie) Der Zauberrabe Rumburak
1985 Já nejsem já (Buch mit Václav Nývlt und Regie) Bin ich etwa Oskar?
1986 Mladé víno (Buch mit Jan Kozák, Miloš Macourek und Svatopluk Novotný und Regie)  
1987 Dědečkův odkaz (TV; Regie)  
1987 Krecek v nocní kosili (Regie) Hamster im Nachthemd
1988 It's Not Me (Regie)  
1990 Arabela se vrací: Rumburak králem Ríse pohádek (TV; Regie) Die Rückkehr der Märchenbraut
1995 Rabín A Jeho Golem (Regie)  
1996 Kouzelný méšec (Buch mit Miloš Macourek und Jarka Kovaříková und Regie) Das Zauberbuch
1998 Jezerní královna (Regie) Die Seekönigin
2000 Pták Ohnivák (Regie) Der Feuervogel
2000 Král sokolů (Regie) Falkner Thomas
2001 Mach, Šebestová a kouzelné sluchatko (Regie) Max, Susi und das magische Telefon
2005 On je žena! (TV-Serie; Regie)  
2011 Saxána a Lexikon kouzel (Regie; Buch gemeinsam mit Miloš Macourek)
  (Saxana und das Zauberbuch)

 

Quellen:

  • Václav Vorlíček - filmography in: German Internet Movie Datbase, online unter: http://german.imdb.com/name/nm0903474/
  • German Cinema (Hg.): Vaclav Vorlicek in: Archiv, online unter http://www.german-cinema.de/archive/film_person_view.php?film_person_id=1017
  • ČESKÝ FILM (Hg.): Václav Vorlíček in: OSOBNOSTI ČESKÉHO FILMU, online unter http://www.volny.cz/czfilm/Osobnosti/Vorlicek.htm
  • Sandra Häfner: "Ein Schlingel für einen Lausbub" in: Freie Presse, 14.10.2006
  • Fotos der Preisverleihung (Nr. 06, 07) mit freundlicher Genehmigung von Thomas Reinhardt, Chemnitz
  • Fotos 08, 09: Sven Miebach, 12.10.2008