Carola Braunbock-Schmidt

* 09. 01.1924 in Wscherau, Böhmen
† 04.07.1978 in Berlin

 

1947 bis 1949 Studium an der Musik- und Schauspielschule in Leipzig
ab 1949 Engagements am Deutschen Theater Berlin, Berliner Ensemble, Volksbühne


Ziemlich genau 46 Jahre nach den Dreharbeiten zum besten Film aller Zeiten ereignete sich mal wieder einer dieser unglaublichen Zufälle, mit denen ich mich bei diesem Hobby öfter mal konfrontiert sehe:

Bei beruflich bedingten Recherchen in einem alten Berliner Telefonbuch stieß ein Aschenbrödel-Fan namens Thorsten Bergt zufällig auf den Namen Carola Braunbock-Schmidt - wieso Schmidt?

 

Thorsten recherchierte weiter und fand heraus, dass Frau Braunbock nicht nur verheiratet war, sondern auch einen leiblichen Sohn hat! Und damit nicht genug: Thorsten machte diesen Sohn ausfindig, konnte mit ihm telefonieren und ihn sogar treffen, und der Sohn war so nett, Thorsten - und damit auch uns allen - einiges über seine berühmte Mutter zu berichten.

 

Leider ist der Sohn nach schwerer Krankheit 67-jährig am 22.11.2021 – viel zu früh – verstorben. Aus Gesprächen mit dem Sohn erfuhr Thorsten auch, dass es noch eine Halbschwester gibt. Thorsten hat nun den Nachlass von Frau Braunbock erhalten und sich die Mühe gemacht, Details und Dokumente herauszusuchen, die etwas mit dem Aschenbrödel-Film zu tun haben.

 

Der folgende Text über Frau Braunbock-Schmidt ist also untere anderem Dank ihres leider inzwischen verstorbenen Sohnes nicht mehr nur eine Aufreihung bekannter Daten, sondern gespickt mit privaten Informationen, Fotos und Original-Dokumenten aus erster Hand.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Carola Braunbock-Schmidts Sohn (dessen Privatsphäre ich schützen möchte) und Thorsten, der dies möglich gemacht hat! 

 

Anfänge

Karola Josefa Emilia Braunbock wird am 9. Januar 1924 in Všeruby u Plzně in Böhmen geboren und besucht dort auch die Grundschule. Ihr Abitur legte sie am 17.03.1943 in Aussig ab.

 

Kurze Zeit nach Verlobung mit ihrem Freund Richard wurde die Familie am 01.09.1946 aus Aussig vertrieben und zog zunächst nach Sukow bei Schwerin, wo ihre Eltern herkamen.

 

Von 1947 bis 1949 studiert sie an der Musik- und Schauspielschule in Leipzig. Nachdem ihr Vater 1949 gestorben war, zieht Ihre Mutter zu ihr nach Leipzig, wo sie in der Fockestraße wohnen.

Nach Berlin

Nach dem von ihrer Freundin Brigitte Horney vermittelten Vorsprechen bei Helene Weigel und Berthold Brecht Ende August 1949 wird sie Mitglied des Berliner Ensembles und bringt unter Bertolt Brechts Leitung in "Puntila" als eine von vier verschmähten Verlobten das Publikum zum Lachen. Von Friedrich Luft wird gelobt: "Angelika Hurwicz, Regine Lutz, Eleonore Zetzsche, Carola Braunbock - jede ausgezeichnet und mit klugen Eigenarten ausgestattet.“. 

 

In den 1950er Jahren spielt sie eine Bäuerin in Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" und später die Köchin in Brechts "Der kaukasische Kreidekreis", von beiden Stücken gibt es Fernsehaufzeichnungen der Theateraufführungen, in denen man Carola Braunbock sehen kann. Auch singen kann man sie hören: Es gibt eine Schellackplatte mit einer Aufzeichnung des Liedes "Wie die Krähe" (aus "Die Müllerin" von Bertold Brecht) mit dem Orchester des Berliner Ensembles. 

Ab 1955 findet man ihren Namen in Programmheften des Deutschen Theaters, Berlin, so z. B. 1955/56 in "Bernarda Albas Haus" von Lorca unter Regie von Hannes Fischer, 1956/57 in "Die Schlacht bei Lobositz" von Peter Hacks, Regie: Wolfgang Langhoff, 1957/58 in "Auferstehung" nach Tolstoi von Paryla sowie in derselben Spielzeit in dem Schauspiel "Sturm" unter Wolfgang Langhoff und 1958/59 in "Das Kaffeehaus" von Goldoni unter Emil Stöhr und im Doppelprogramm "Woyzeck" von Georg Büchner und "Astutuli" von Carl Orff, Regie: Wolfgang Langhoff. 

1965 ist das Berliner Ensemble mit Carola Braunbock im Nationaltheater "Old Vic" in London zu Gast und gibt vom 11. bis 28. August in englischer Sprache u. a. das Stück "Die Dreigroschenoper". 


Zum Film

1951 geht Carola Braunbock aber auch schon zum Film und bekommt in dem mit mehreren Preisen ausgezeichneten Film von Wolfgang Staudte (nach Heinrich Mann) "Der Untertan" die Rolle einer der Schwestern der Titelfigur, Emmi Heßling. Fortan ist sie neben ihren Bühnenauftritten auch fast jedes Jahr im Film oder Fernsehen zu sehen.

 

In der "Stacheltierparade" - einer Reihe von zwischen 1953 und 1964 in der DDR produzierten Kurzfilmen, die sich inhaltlich vorsichtig mit den Problemen des real existierenden Sozialismus auseinandersetzte, tritt Carola Braunbock in dem 131/2 minütigen Kurzfilm "Träume sind Schäume?" (1963 als Frau Rist) auf. 1964 gibt sie in "Mir nach, Canaillen" die Baronin und in "Sieben Sommersprossen" (1978) die Köchin.

 

Viermal ist sie auch in der beliebten DDR-Krimiserie "Polzeiruf 110" dabei (Verbrannte Spur, 1972; Die Maske, 1972; Kein Paradies für Elstern, 1974; Vermißt wird Peter Schnok, 1977). Als Sprecherin leiht sie beim Hörspiel "Burattino" der Tortilla und in "Vier Frauen eines Sonntags" der Wirtin, sowie im Märchenhörspiel "Die Nachtigall" (nach H. C. Andersen) von 1976 der Mutter ihre Stimme. Ihr letzter Auftritt ist der der Frau Dickkopf in der 1979 gesendeten TV-Produktion "Hochzeit in Welzow" (ausführliche Filmografie auf der ausgezeichneten Webseite: www.defa-sternstunden.de). 

Carola Braunbock privat

Sie ist sehr warmherzig und lustig. Auf der Straße wird sie häufig erkannt und gibt immer ein Autogramm, wenn sie darum gebeten wird.

 

Ihren Mann Johannes - ebenfalls Schauspieler - heiratet sie vier Monate nach Geburt des gemeinsamen Sohnes am 31.08.1953. Ihr Ehemann stirbt jedoch bereits wenige Monate später am 02.04.1954 und so wächst der Sohn ohne Vater auf.

 

Da seine Mutter so bekannt ist, ist es für ihn in der Schule oft nicht leicht, und ihr früher Tod trifft ihn sehr. Aber er macht seinen Weg, studiert, erringt einen Doktortitel und arbeitet an namhafter Stelle.

 

Carola Braunbock-Schmidt ist ein vielseitiges Talent. Sie malt auch und hat einiges an Bildern und Zeichnungen hinterlassen. Zu ihrem Freundeskreis zählte auch Brigitte Horney, die sie unmittelbar nach Kriegsende im Mai 1945 skizzierte. 

Carola Braunbock-Schmidt wohnt ab 05. Oktober 1949 in Berlin zunächst in der Köpenicker Landstraße. Auch dorthin holt sie ihre noch in Leipzig lebende Mutter nach. Aus Platzgründen und auch aufgrund der örtlichen Nähe zu den Theatern unterhält sie ab 1965 eine Zweitwohnung in der Albrechtstraße.

 

In ihrem 55. Lebensjahr verstirbt sie – ebenfalls viel zu früh - an Krebs. Sie war sehr beliebt, noch auf dem Totenbett nimmt sie unzählige Telegramme und Eilpostbriefe befreundeter Intendanten, Künstler und Weggefährten aus aller Welt in Empfang.

 

Beerdigt wird Sie auf dem Künstlerfriedhof Dorotheenstädtischer Friedhof in Mitte. 

Frau Braunbock in "unserem" Film

Wie schon andere Darsteller und Crewmitglieder hat auch Frau Braunbock-Schmidt die Stimmung am Set als außerordentlich freundlich und kollegial in Erinnerung, was man - wie sie meint - dem Film auch anmerkt. Vor allem mit dem Regisseur verstand sie sich gut.

 

Das Aschenbrödel-Filmteam wusste offenbar nicht, dass Carola Braunbock in Tschechien geboren worden war, und sie sprach auch am Set die ganze Zeit Deutsch. Erst in den letzten Tagen begann sie dann, Tschechisch zu sprechen und man erfuhr, dass sie in der Nähe von Pilsen geboren ist und dort auch die Grundschule besucht hat. Václav Vorlíček erzählt: "Ich weiß nicht, was sie alles mitbekommen hat, wenn die Maskenbildner zueinander sagten: "Kämm doch mal die Olle", aber ich glaube nicht, dass so etwas fallengelassen wurde. Es ist kein Fauxpas passiert." Auch Frau Braunbock-Schmidts Sohn kann sich nicht erinnern, dass sie über Lästereien auf Tschechisch berichtet hätte.

 

Ihm ist aber eine andere Begebenheit in Erinnerung: Der riesige Hut machte das Spielen mit einer Fackel in der Hand anstrengend. Seine Mutter musste die Fackel nämlich weit vom Körper weg halten, damit "das Segelschiff auf meinem Kopf nicht in Flammen aufgeht". 

 

Zur Film-Premiere in Deutschland am 10.03.1974 im Babylon-Filmtheater in Berlin gab es dann eine festliche Einladung.

 

Die Rolle der Stiefmutter in 3hfa war für Carola Braunbock-Schmidt, die im Theater, im Film und als Sprecherin ein großes Erbe hinterlassen hat, nur ein Job wie jedes andere Engagement auch. 

 

Keiner aus dem Filmteam hat es damals wohl für möglich gehalten, dass der Film ein solcher Erfolg werden würde und bis zu ihrem Tod hat sie nicht erfahren, wie viel Zuspruch der Film schon in den 1970ern und bis heute erhält. 

Filmografie

Jahr Titel Rolle

1951 Der Untertan Emmi Heßling

1955 Robert Mayer - Der Arzt aus Heilbronn Patientin

1956 Thomas Müntzer Bäuerin

1958 Der junge Engländer Apothekersfrau

1958 Das Lied der Matrosen Dame vom Luisenbund

1959 Das Stacheltier: Benimm dich, Fritzchen Mutter

1959 Das Stacheltier: Der Bumerang Sekretärin Frl. Maus

1959 Ware für Katalonien Charlotte Gansauge

1960 Mutter Courage und ihre Kinder Bäuerin

1960 Steinzeitballade Tuchelmann

1960 Kein Ärger mit Cleopatra Caroline Kahlow

1961 Ein besserer Herr (TV) Frau Schnütchen

1961 Flitterwochen ohne Ehemann (TV) Heidrun

1961 Napoleon in New Orleans (TV) Polly

1962 Auf der Sonnenseite Sprecherziehungsdozentin

1963 Das Stacheltier: Träume sind Schäume Frau Rist

1964 Geliebte weiße Maus Nachbarin

1964 Mir nach, Canaillen! Baronin Lübbenau

1965 Ohne Paß in fremden Betten Trude Kabuffke

1967 Ein Lord am Alexanderplatz Frau Holzmeyer

1967 Frau Venus und ihr Teufel Edeldame

1967 Brot und Rosen Emmi Krell

1967 Kleiner Mann - was nun? (TV) Frl. Krause, Sekretärin

1971 Hut ab, wenn du küßt! Tante

1972 Polizeiruf 110: Die Maske (TV) Wirtin

1972 Polizeiruf 110: Verbrannte Spur (TV) Frau Exner

1972 Florentiner 73 (TV) Frau Platz

1974 Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (DDR/CSSR) Stiefmutter

1975 Eine Stunde Aufenthalt (TV) Gertrud

1976 Daniel Druskat (TV) Frau Ziesenitz

1978 Eine Handvoll Hoffnung Bäckersfrau

1978 Sieben Sommersprossen Köchin

1978 Die Leute aus dem "Roten Roß" (TV) Martha

1978 Auf Station 23 (TV) Frau Seifert

1979 P. S. Reinemachefrau

1979 Hochzeit in Welzow (TV) Frau Dickkopf

 

 

 

 

 

Quellen:

 

  • Bild von http://www.defa-sternstunden.de/stars/cbraunbock.htm
  • Jan-Eric Loebe: Der Untertan, in http://deutscher-tonfilm.de/du1.html
  • F.-B. Habel & Volker Wachter, "Das große Lexikon der DDR-Stars" - Ergänzungen/Korrekturen von Volker Wachter, online unter http://www.defa-sternstunden.de/stars/cbraunbock.htm
  • unicorn Filmdatenbank, genauer: http://www.kinotv.com/page/bio.php?namecode=12380
  • Kathrin Konjareck: Carola Braunbock, in: www.ddr-hoerspiele.de, http://mitglied.tripod.de/KathrinKonjareck/Sprecher/Braunbock.html /, www.ddr-hoerspiele.de,
  • Internet Movie Database (Hg.): Carola Braunbock, online unter http://german.imdb.com/Name?Braunbock,+Carola
  • Herbert Piechot: Suchergebnis Braunbock in: HoerDat, http://me.in-berlin.de/~hoerdat/index.html?select.php?col1=ti&a=nacht
  • Kino Xenix: Carola Braunbock, in: Archiv http://www.xenix.ch/archiv/02jan/26248.html
  • Václav Vorlíček in seinem Interview auf der 2002er Ausgabe der tschechischen Film-DVD "Tri oríšky pro Popelku", Zlatý Fond České Kinematografie 2002, übersetzt von Renata Susewind
  • Berliner Telefonbuch 1969 und 1979
  • Sohn von Frau Braubock, Interview am 06.01.2018 durch Thorsten Bergt
  • Klaus Völker: Regine Lutz. Dreigroschenheft 1/2012, S. 43. Wißner Verlag, Augsburg 2012. online am 04.01.2019 unter https://www.dreigroschenheft.de/downloads/3gh2012-1.pdf
  • Discogs (Hg.): Berliner Ensemble ‎– Wie Die Krähe... / Der Zerrissene Rock. o J. online am 04.01.2019 unter https://www.discogs.com/Berliner-Ensemble-Wie-Die-Kr%C3%A4he-Der-Zerrissene-Rock/release/1068816
  • Wikipedia (Hg.): Mutter Courage und ihre Kinder (1961), online am 04.01.2019 unter https://de.wikipedia.org/wiki/Mutter_Courage_und_ihre_Kinder_(1961)
  • ZVAB (Hg.): Suchresultate zum Suchwort "Carola Braunbock". Online am 04.01.2019 unter https://www.zvab.com/servlet/SearchResults?cm_sp=SearchF-_-topnav-_-Results&kn=%22Carola%20Braunbock%22&sts=t
  • Thorsten Bergt: Nachlass von Frau Braunbock