Grimms Aschenputtel

Die in deutschen Kinderzimmern vermutlich immer noch bekannteste Version ist die der Gebrüder Grimm, komplett nachzulesen z. B. hier.

 

Wer zu faul ist zum surfen, wird hier informiert:

 

Bei den Gebrüdern Grimm ist alles anders. Der Vater lebt noch (ist aber offensichtlich blind gegenüber dem eklatanten sozialen Abstieg seiner leiblichen Tochter) und Aschenputtel hat zwei Schwestern, die "schön und weiss von Angesicht waren (also nicht so wie Dora ;-), aber garstig und schwarz von Herzen". Den richtigen Namen des Mädchens, das von ihren gemeinen Schwestern mit "Aschenputtel" verspottet wird, erfahren wir auch bei Grimms nicht (in allen Grimms' Märchen ist überhaupt äußerst selten jemand mit Namen genannt). Auch von irgendwelchen Hobbies wie Reiten oder Schiessen ist nicht die Rede.

 

Der Vater jedenfalls zieht eines Tages in die Messe und wird von den Stiefschwestern um Kleider und Schmuck angehauen, Aschenputtel dagegen bittet ihn nur um das erste Reis (es ist ein Zweig gemeint), das ihm bei seiner Heimkehr an den Hut stößt. Zufällig handelt es sich um ein Haselreis, was aber im weiteren Verlauf keine besondere Bedeutung hat. Das botanische Mitbringsel wird von Aschenputtel auf dem Grab der Mutter eingesetzt und dreimal täglich mit Tränen und Gebeten bedacht. Es entwickelt sich zu einem Baum, aus dem ein "weisses Vöglein" Aschenputtel immer das herunterwirft, um was es bittet.

Klar, das diese Freigiebigkeit ausgenutzt wird, als Aschenputtel sich für den Ball anziehen muss. Zuvor müssen ihr jedoch nicht nur die Tauben, sondern alle Vöglein unter dem Himmel mit dem Verlesen der Linsen helfen. Die Anweisung lautet: "die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen" (für alle, die in Bio nicht so aufgepasst haben: der Kropf liegt bei Vögeln vor dem Magen, hier wird das aufgenommene Futter vorverdaut).

Der Baum hingegen bekommt weniger genaue Wünsche mitgeteilt, sondern nur: "Bäumchen rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich" (soviel zum Thema Bescheidenheit).

 

Der Prinz verliebt sich sofort in die aufgebrezelte Fremde und tanzt den ganzen Abend mit ihr. Das geht drei Tage so. Jedesmal entwischt Aschenputtel ihrem Verehrer, der ihr zwar bis zum väterlichen Gut folgen kann, dort aber die Spur einmal im Taubenhaus und am zweiten Abend im Birnbaum verliert, die beide unter der Axt des begriffsstutzigen Vaters ihre Existenz beenden. Jedesmal nimmt der Vogel im Baum das Kleid zurück.

Am dritten Abend aber bleibt Aschenputtels Tanzschuh auf der Treppe des Schlosses kleben, die der Prinz mit Pech hat bestreichen lassen. Wie in 3HfA verspricht auch bei Grimm der Prinz die zu heiraten, der der Schuh passt (ziemlich voreilig, wie ich finde). Zum Glück passt er weder der einen noch der anderen Stiefschwester. Sie hacken sich zwar die Ferse bzw. die grosse Zehe ab, aber zwei Tauben auf dem Haselbaum verraten sie mit dem Spruch: "rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck. Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim."

Und damit auch wirklich alle Zweifel ausgeräumt sind, rufen sie bei Aschenputtel: "rucke di guck, rucke di guck, kein Blut ist im Schuck: Der Schuck ist nicht zu klein, die rechte Braut, die führt er heim."

 

Doch damit ist das Märchen noch nicht zu Ende. Die beiden Schwestern verlieren nämlich auf der kirchlichen Trauung ihre Augen, die ihnen von den Tauben ausgepickt werden, die auf Aschenputtels Schultern sitzen.

 

Wenn man sich das so vorstellt hätte man auch einen erstklassigen Horrorfilm daraus machen können: eine rachsüchtige Pubertierende, die ihre Seele dem Haselbaum verkauft und mit Hilfe von fremdgesteuerten Vögeln den Prinzen verführt und ihre Schwestern verstümmelt. Was wird wohl in der jungen Ehe passiert sein, wenn der Prinz nicht so wollte, wie Aschenputtel sich das vorstellte? Übrigens begnügt sich die erste Auflage der "Grimms Märchen" damit, dass die beiden Tauben auf den Schultern der Braut sitzen. Das blutige Finale wurde erst in der 2. Auflage hinzugefügt, da solche Schauermotive gerade in Mode kamen.