3hfa wird 50!

Der beste Film der Welt wird in diesen Monaten 50 Jahre alt! Zeit zu feiern und ein paar Dinge Revue passieren zu lassen...

Vom Kinderfilm zum Dauerbrenner - die ersten 50 Jahre

Diesen Monat vor 50 Jahren

Februar 1973 - Schnee? Ja bitte! Aber so viel?!

Vorlíček hatte zwar die ganz hervorragende Idee, einen Winterfilm zu machen, doch die Dreharbeiten werden schneetechnisch die reinste Katastrophe.

Nach Abschluss der Dreharbeiten mit dem Moritzburger Schloss und ein paar Säcken Kunstschnee geht es für das Drehteam zurück in die ČSSR. Südlich von Pilsen hat man die Wasserburg Švihov als Schauplatz für das Gut der Stiefmutter ausersehen. Doch auch hier: kein Schnee. Der Burghof ist grau-braun und steinig und in der Umgebung kann man leider viel zu gut die Pflöcke erkennen, mit denen man die Drehorte markiert hatte. Im Hof ist es natürlich möglich, wieder Kunstschnee auszustreuen, aber im Wald?

 

Plötzlich jedoch kommt die Nachricht: Im Böhmerwald schneit es! Vorlíček – selber noch nicht im Besitz eines Autos – leiht sich das Fahrzeug von Vladimír Menšík und fährt los, um sich selber ein Bild von der Lage zu machen. Er kommt nur etwa 25 km weit, dann bleibt das Auto in einer Schneewehe stecken und Vorlíček schafft es gerade so zurück.

 

In der bildreichen tschechischen Sprache heißt es über die damaligen Drehtage, es habe „Federbetten“, ja „Berge“ an Schnee geschneit, auf jeden Fall zu viel. Markierungen sind weg, Schauspieler und Gerät bleiben im Schnee stecken, an mehreren Tagen muss sogar wegen Schneetreibens abgebrochen werden.

 

Die Drehplätze an denen Aschenbrödel vor den Prinzen davonlaufen soll, sind so tief eingeschneit, dass man überlegte, einen Weg hineinzugraben und den Schnee wegzuschaufeln. Nur dann müsste man den Schnee ja irgendwo hinschaufeln, also entscheidet Vorlíček: alle vom Regisseur bis zum Beleuchter sollen im Gänsemarsch einen Weg durch den Schnee treten, den die Schauspieler dann entlanglaufen können. Durch die Schneemassen wird eine Versorgung mit Mittagessen oder anderem Nachschub unmöglich und die Schauspieler, die sich morgens früh zum Schminken auf Burg Švihov einfinden, und dann in den Wald gefahren werden, sind aufgefordert, sich Proviant mitzubringen.

Das bleiben nicht die einzigen Zumutungen. Immer noch haben viele der Schauspieler laufende Engagements an Theatern, in denen sie abends und am Wochenende auftreten müssen. Nun ist die Strecke zwar nicht mehr so lang, wie bis nach Moritzburg oder gar Potsdam, aber müde sind sie trotzdem oft. Die dünnen Kostüme und Lederstiefel bieten nicht annähernd genug Schutz gegen die teilweise eisige Kälte, so dass sich mancher heute noch fragt, wie sie das alles ausgehalten haben.

 

Beim Wäschewaschen im Bach hält man Wechselkleidung und heißen Tee für Libuše bereit und für die Nahaufnahmen der Endszene wird der Schauspielerin, die bei minus 20 Grad Celsius in einem weit ausgeschnittenen Kleid lächeln muss, wenigstens unterhalb des Bildausschnitts eine orange Decke umgelegt. Libuše Šafránková sitzt dazu übrigens - ebenso wie Pavel Trávníček - auf einem Kameramann, der mit dem Rücken auf einem Schlitten liegend von der Crew durch den Schnee gezogen wird.

 

Doch in der Totalen heißt es: Weiterreiten! Die Schauspieler rufen immer wieder, ob sie jetzt weit genug geritten sind, aber nein, bis hinter den Horizont muss es gehen. Dort war eigentlich ein Empfangskommitee mit Decken und heißen Geränken geplant, aber das ist vergessen worden. Und einfach auf derselben Strecke zurückreiten dürfen Šafránková und Trávníček natürlich nicht, sie müssen ganz außen um den Hügel herumreiten. Zähneklappernd und durchgefroren kommen sie wieder beim Drehteam an.

 

Auch für die Kamera ist die Kälte ein Problem, sie muss immer wieder in einem beheizten Bus aufwärmen. Die Akkus halten bei den niedrigen Temperaturen nur etwa 20 Minuten, dann werden sie ausgetauscht und wieder aufgeladen. Unter diesen Bedingungen geht der Dreh nur stückchenweise voran. Die Schauspieler haben also Gelegenheit, sich zwischendurch ebenfalls etwas zu erholen, aber der Regisseur und Crew können sich solche Pausen nicht erlauben. Sie bringen den ganzen Tag bei erheblichen Minusgraden im Freien zu.

Und es gibt ja auch eine Menge zu tun! Ein professioneller Bogenschütze schießt den Zapfen herunter, die Treiber für die Treibjagd müssen eingewiesen werden, ein Jäger kommt mit seinem zahmen Fuchs, Hund Bam mit seinem Trainer begleitet Aschenbrödel, eine Reiterin vom Kladruber Reitverein springt für Šafránková über einen Baumstamm und der Meister höchstpersönlich steigt auf eine Klappleiter, um den toten Falken von oben korrekt ins Bild zu werfen. Zum Abschluss jedes Drehtages bekommt Libuše dann noch das graue Aschenbrödelkleid angezogen und reitet noch zwei-, dreimal verträumt durch die Tannen. Zwischendurch taut es und der Schnee fällt von den Bäumen – der Boden ist zwar noch schön weiß aber der Wald grün und gar nicht mehr winterlich. Jahrzehnte später erzählt der Regisseur immer noch ironisch: sie haben wirklich viel Spaß mit dem Wetter gehabt.

Endlich sind alle Waldszenen im Kasten und es geht zurück in die Nähe von Burg Švihov. Im Nachbarörtchen ist der Weg am Teich vorbei mit einer Rampe präpariert worden, nun kann die Kutsche umstürzen und ins Wasser fallen. Den Teich bedeckt eine dicke Eisschicht, es muss erst ein Loch hineingehackt werden. Selbstverständlich fallen Braunbock und Hlaváčová nicht selbst in den eisigen Tümpel, sondern Stuntleute, für die am Set ein beheizter Wohnwagen bereit steht. Doch für die Szene, in der dem Prinzen klar wird „Du bist nicht die Richtige!" muss die hochschwangere Daniela Hlaváčová auf einem Gerüst Zentimeter über der kalten Wasseroberfläche stehen.

 

An Václav Vorlíček gehen die Strapazen nicht unbeschadet vorüber: er muss ein paar Monate später wegen Gallensteinen operiert werden und eine Kur antreten. Diese wird jedoch rüde von einem hochrangigen Mitglied des Nationalkommittees unterbrochen, weil dem Regisseur des noch nicht mal angelaufenen besten Films aller Zeiten völlig zu Recht der erste Filmpreis überreicht werden soll.

 

Aber dazu später.

Januar 1973 - Dreh in Moritzburg

Nachdem Anfang Januar 1973 weitere Innenaufnahmen in den Babelsberger Studios entstanden sind, wird am 15.1. nicht gedreht, sondern gepackt und verladen um am nächsten Tag in den kleinen Ort Moritzburg, ca. 15 km nordwestlich von Dresden zu fahren.

 

Das dortige Barockschloss hat der Regisseur als Kulisse für die königliche Residenz ausgewählt. Das Innere hatte ihm nicht gefallen. Zwar gibt es dort einige große Säle, aber die dunklen Ledertapeten waren Vorlíček zu düster.

Die Temperaturen im Januar vor 50 Jahren sind eisig. Gleich am 16. beginnt man, die Räumlichkeiten, die für Kostüme. Maskenbildner usw. vorgesehen sind, zu heizen, obwohl erst zwei Tage später gedreht wird.

 

Leider liegt trotz der Kälte nur sehr wenig Schnee. Der See ist zwar zugefroren, aber die Landschaft ist eher graubraun als weiß. Es muss Kunstschnee her. Der wurde in der DDR aus Fischresten hergestellt und stank legendär.

 

Noch heute wird in Moritzburg davon mit Abscheu berichtet. Der Geruch muss auch noch lange nach Beendigung der Dreharbeiten in der Luft gehangen haben.

 

Aber zu etwas erfreulicherem: Damals war das Schloss zwar auch schon ein Museum, aber auch teilweise noch bewohnt. Unter anderem durch Herrn Weber, der heute noch in der Nähe wohnt. Er hat damals ein paar wundervolle Fotos gemacht.

 

 

Außerdem sind er und andere Mieter der Bitte des Drehstabs nachgekommen, abends in allen Räumen das Licht einzuschalten, damit das Schloss besonders festlich aussieht. Immerhin fand darin ja gerade ein Ball statt… Natürlich gab es für den Stromverbrauch auch eine Entschädigung.

Am ersten Drehtag geht es noch ohne Pferde zu, aber dann wird es für alle anstrengend.

 

Mitarbeiter des Sächsischen Landgestüts in Moritzburg doubeln Trávníček, Jandák, Drbohlav und Šafránková, von denen zwar wenigstens Libuše sehr gut reiten kann, aber diesmal nicht reiten soll. Die Unfallgefahr beim scharfen Ritt die vereiste Nordrampe hinunter ist Vorlíček zu groß.

Aschenbrödels Double bekommt die Knöpfe des Umhangs nicht zu (hatten wir bereits erwähnt, wie zierlich Libuše war?), die Pferde stehen den zischenden Fackeln kritisch gegenüber und der erfahrene Schimmel Kalif (Nikolaus), der das Risiko genauso einschätzt, wie der Regisseur, muss sogar stark angetrieben werden, um die Rampe überhaupt zu nehmen. Aber am Ende klappt alles.

 

In den kommenden Tagen wird dann an den Rändern des Schlossteichs die Kutschfahrt gedreht und der verzweifelte Versuch des Präzeptors, die Herren Prinzen einzuholen.

 

Eine Kutsche kann die DEFA zur Verfügung stellen, die andere wird von Privat ausgeliehen. Die zweite fährt noch oft in Moritzburg, geht aber bei einem Stallbrand in Flammen auf. Heute ist sie wiederaufgebaut und kann jedes Jahr in der Aschenbrödel-Ausstellung auf Schloss Moritzburg bewundert werden.

 

Einige Szenen können aufgrund des Schneemangels gar nicht in Moritzburg gedreht werden, sie werden später in der ČSSR nachgeholt. Durch eine geschickte Kamerapositionierung und ständiges Umschneiden zwischen Böhmen und Sachsen entsteht im Film der Eindruck einer Reise durch eine reichlich beschneite Landschaft.

 

Moritzburg - ganz schlau von unten vor einen Wall Kunstschnee gefilmt.
Moritzburg - ganz schlau von unten vor einen Wall Kunstschnee gefilmt.
Böhmen - hier liegt genug echter Schnee.
Böhmen - hier liegt genug echter Schnee.
Wieder Moritzburg - die Bäume im Vordergrund sind weiß angesprüht.
Wieder Moritzburg - die Bäume im Vordergrund sind weiß angesprüht.


 

Und so bekommt die Dianenburg von Herzog Moritz, später Jagd- und Lustschloss Augusts des Starken, Zentrum der Kunstlandschaft Kurfürst Friedrich Augusts III. von Sachsen und Wohnsitz Prinz Ernst Heinrichs von Sachsen einen weiteren Eintrag in ihr Geschichtsbuch:

 

Nun kennt man sie als "das Schloss aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Dezember 1972  - Der große Ball

Die Dreharbeiten beginnen – wie von den Deutschen gewünscht – im Dezember 1972 in Babelsberg. Doch zunächst sind Proben mit den Statisten angesagt. Am 6.12. erscheinen 19 Studierende der Staatlichen Ballettschule bei der DEFA zu Kostümproben. Parallel werden Kleindarsteller auch bei den örtlichen Tanzvereinen gesucht, die sich ebenfalls am 6.12. persönlich vorstellen sollen. Die werden aber nur für den Hintergrund gebraucht und müssen nicht tanzen. Als Kostüme werden alle möglichen halbwegs historisch aussehenden Kleider aus Barrandov und Babelsberg zusammengeworfen und wem etwas passt, der muss es auch anziehen.

Zwischen dem 9. und 14.12. wird unter der Leitung von Frau Walther vom Friedrichstadtpalast mal mit den Ballettschülern, mal mit den Profis aus dem Friedrichstadtpalast die Choreografie eingeübt. Die tschechischen Hauptdarsteller sind bei diesen Proben nicht dabei und so ist es vielleicht zu erklären, dass sich Vítěszlav Jándak später bei den Dreharbeiten vertanzt und von seiner Partnerin wieder auf den richtigen Weg geführt werden muss. Es scheint der guten Laune aber keinen Abbruch getan zu haben.  

 

Der große Ball wird mit viel Sorgfalt und Ruhe am 18., 20. und 21. Dezember gedreht. Mit so viel Sorgfalt und Ruhe, dass die Tänzer mal drei, mal fünf Überstunden abrechnen. Abgesehen von ihrem langen Tag am Set sind sie auch vorher und nachher noch stundenlang unterwegs, denn um von Ostberlin nach Potsdam zu kommen, muss man um Westberlin herumfahren.

Die Musik kommt natürlich vom Band, aber die Instrumente auf dem Balkon sind alle echt. Sie werden von Berol Kaiser-Reka bereitgestellt, der – um seine Kostbarkeiten in guten Händen zu wissen – auch gleich höchstselbst den Kapellmeister gibt.

 

In den Kulissen werden mehrfach Schienen für die Kamerafahrten verlegt, alle Darsteller werden streng auf ihr Erscheinungsbild kontrolliert – nicht, dass aus einen Ärmel eine Armbanduhr hervorblitzt! Einmal steht ein Darsteller auf Aschenbrödels Schleppe, als die Schauspielerin aus dem Saal laufen soll – die Schleppe reißt ab und muss erst wieder angenäht werden. Ein anderes Mal läuft das Musikplayback nicht. Die ganze Sache zieht sich. Eine Dame vom Friedrichstadtpalast lässt ihren Frust kurz durchblicken und rollt mit den Augen, als sie zum sicherlich x-ten Mal sich elegant zu Tanz bitten lassen muss.

Doch manches geht auch ganz schnell. Für das „Kleinröschen“ hat Regisseur Vorlíček die in der ČSSR bekannte und beliebte Helena Růžičková gewählt, wie er sowieso auch bei den Nebenrollen darauf geachtet hat, bekannte und auch gern eher komische Schauspieler zu bekommen, denn: „Wenn mir bei den Dreharbeiten ein Witz einfällt – wer soll den dann für mich spielen?“ Der Schalk sitzt Vorlíček wohl mal wieder im Nacken, denn er nimmt Růžičková zur Seite und sagt ihr, sie solle in den Tanzszene Trávníček mal hochheben. Der rechnet damit überhaupt nicht und reagiert so verblüfft, dass Vorlíček die Szene gleich im Kasten hat.

November 1972 - Das deutsche Drehbuch entsteht

Die Kooperation mit der DEFA stand, nun mussten noch Details geklärt werden. Frisch von der Filmhochschule wurde Hannelore Unterberg als Regieassistentin engagiert und damit beauftragt, aus einer grob übersetzten Fassung das deutsche Drehbuch zu schreiben.

 

Das tschechische Drehbuch stammte aus der Feder von Dr. František Pavlíček. Er hatte sich im Prager Frühling engagiert, 1968 und 1969 auch als Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Als 1970 nach der gewaltsamene Niederschlagung des Prager Frühlings die „Normalisierung“ begann – eine freundliche Umschreibung für Zensur, Auflösung missliebiger Organisationen und anderer repressive Maßnahmen - durfte Pavlíček nicht mehr als Drehbuchautor arbeiten, seine Werke wurden verboten, er musste sein Brot als Lager- und Hilfsarbeiter verdienen. Nach der Unterzeichnung der Charta 77 wurde er, ebenso wie Václav Havel und viele andere, verhaftet. Wie Vorlíček sich erinnert, hat man versucht, ihn künstlerisch und auch existenziell zu vernichten. Einige seiner Rundfunkhörspiele, Filmdrehbücher und Fernsehspiele konnten damals nur unter den Namen verschiedener anderer Autoren umgesetzt werden. Bei 3hfa übernahm das Bohumila Zelenková.

Václav Vorlíček kannte schon zu Beginn der Arbeiten den Namen des wahren Autoren, tat jedoch, als wüsste er nichts davon. Wenn Änderungen am Drehbuch zu besprechen waren, lief das über Frau Zelenková, die das Drehbuch zuvor auch noch einmal in eigenen Worten geschrieben hatte, damit es auch vom Schreibstil her wirkte, als sei es von ihr.

 

Vorlíček Änderungen gingen aber tiefer. Schon Pavliček hatte Aschenbrödel – ganz im Gegensatz zur tschechischen Märchenversion – als eher selbstbewusstes Mädchen beschrieben, doch Vorlíček hob das noch mehr hervor. Als Jahre später Pavliček und Vorlíček einander einmal begegneten, soll Pavliček sich anerkennend über Drehbuchänderungen ausgesprochen und gemeint haben, dass Vorlíček das Skript noch verbessert habe.

 

Rolf Hoppe 2009 (von Thomas Bauer)
Rolf Hoppe 2009 (von Thomas Bauer)

Die Kofinanzierung durch die DEFA hatte auch die Vereinbarung zur Folge, dass die Rollen von König und Königin, sowie der Stiefmutter mit deutschen Schauspielern besetzt werden sollten. Um Vorlíček einen Eindruck der ihm möglicherweise unbekannten deutschen Darsteller zu geben, suchte Regieassistentin Hannelore Unterberg passende Stellen aus deutschen Filmen, schnitt sie zusammen und legte sie dem Regisseur vor.

 

Im Fall von Rolf Hoppe, war das gar nicht nötig, denn der Regisseur kannte Hoppe als Bösewicht aus den ostdeutschen Indianerfilmen. „Er hatte so unschuldige, blassblaue Augen“, fand Vorlíček. Doch obwohl das Äußere bis heute überzeugt (auch wenn der Bart damals angeklebt war), hat Hoppe während des Drehs wohl häufig die Befürchtung gehabt, dass seine Rolle zu komisch angelegt sein und der König sich lächerlich machen könnte. Er wollte einiges anders spielen, als der Regisseur. Karin Lesch – die Königin – konnte ihn überzeugen, dass es hier um einen Vater ging, der vergessen hatte, dass er auch einmal jung war.

 

Frau Unterberg hatte inzwischen auch schon ihr erstes ganz eigenes Projekt: Konzert für Bratpfanne und Orchester. Die Zusammenarbeit mit den Tschechen war so gut, dass Ota Hofmann ihr sagte: „Wenn Sie es bei der DEFA nicht machen dürfen, dürfen Sie das bei uns drehen.“ Von diesem Angebot hörte auch die DEFA, was dazu führte, dass Frau Unterberg ihr Projekt in der DDR am besten sofort machen sollte. Deswegen wurde sie von 3hfa abgezogen, und durch Peter Bohnenstengel ersetzt. Sie musste sogar unterschreiben, dass ihr Name nicht im Abspann auftauchen wird.

 

Von Herrn Bohnenstengel sieht man im Film aber nicht nur den Namen, sondern auch ihn selbst, denn als der Kavalier, der Dora zum Tanz führen sollte, ausfiel, musste Herr Bohnenstengel eingspringen. Der schlaskige junge Herr in schwarzer Robe, der Dora auffordert, ist kein geringerer, als der deutsche Regieassistent!

 

Frau Unterberg startet derweil ihre Karriere bei der DEFA und wurde eine bekannte Dramaturgin. An den Winter in Prag erinnert sie sich immer noch gern zurück, vor allem an die freundliche und partnerschaftliche Atmosphäre zwischen ihr – der „einfachen“ Angestellten - und den Entscheidern, u. a. Ota Hofmann und Václav Vorlíček, die sogar zu ihr ins schwimmende Hotel kamen, um sich ihre Vorschläge über Besetzung, Drehorte und Probeaufnahmen anzuhören. Manchmal saß man zehn Stunden zusammen, aber in der Rückschau fühlte es sich gar nicht wie harte Arbeit an, sondern als Teil des Lebens, so Frau Unterberg. Und das merke man dem Film auch an.

Oktober 1972 - Der Winterdreh wird beschlossen

Für 3hfa hatten die Barrandov-Studios etwa 4 Millionen Kronen eingeplant. Das würde, da war sich der Regisseur Václav Vorlíček sicher, nicht reichen. Ota Hofmann fragte bei der DEFA an, und dort zeigte man sich überraschend schnell zur Kooperation bereit. Das Drehbuch wurde ins Deutsche übersetzt und im Oktober 1972 trafen sich die Leitung des staatlichen tschechoslowakischen Filmamtes mit dem Direktor Jiří Purš und eine Abordnung der ostdeutschen DEFA ebenfalls mit ihrem Direktor Albert Wilkening, in Prag, um die Details zu besprechen. Das Drehbuch sah einen Film vor, in dem Aschenbrödel durch blühende Wiesen und an plätschernden Bächen vorbei reiten sollte.

 

Die deutsche Delegation musste, so erinnert sich Vorlíček, erst mal überzeugt werden, dass es hier NICHT um die Version der Gebrüder Grimm ging. Dann wünschte sich Herr Wilkening auch noch, die deutschen Filmstudios im Herbst oder Winter zu nutzen, um seine Studioarbeiter in den flauen Monaten beschäftigen zu können. Dafür bot er auch an, den Ballsaal und noch ein weiteres Set in Deutschland zu bauen. Das gefiel natürlich den tschechoslowakischen Vertretern, die sich ausrechneten, damit Geld sparen zu können. Wilkening weiterhin: Man könne ja im Anschluss drei, vier Monate warten und dann im Frühling die Außenszenen drehen.

Das konnte sich hingegen Vorlíček nicht vorstellen. Die Hauptdarsteller waren jung, ihre Gesichter könnten sich verändern, es könnte ein Unfall oder eine Schwangerschaft dazwischen kommen, nein, monatelang warten wollte er nicht. Und außerdem fiel ihm ein Winterbild seines Lieblingsmalers Pieter Brueghel ein, und er setzte sich mit der Idee durch, nach Abschluss der Studioarbeiten gleich die Außenszenen auf Schloss Moritzburg und im Anschluss im Böhmerwald und auf Burg Švihov zu drehen. Das würde – so war Vorlíček überzeugt – dem Film ein ganz neues und interessantes Flair verleihen.

 

Und so kam es!

 

Weil das aber alles erst zwei Monate vor Drehbeginn beschlossen wurde, hatten die tschechoslowakischen Barrandov-Studios die Kostüme schon fertig - die Sommerkostüme. Schnell noch ein Mäntelchen hier, ein Fellstreifen da angebracht - dass man in ein paar Wochen tagelange Außenaufnahmen bei minus 20 Grad machen würde, das ahnte niemand im Oktober vor 50 Jahren.