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Der WDR und wir
Nachdem in der Zeitschrift "Brigitte" am 8.
Dezember 2004 ein sehr netter Artikel über unsere Aschenbrödel-Party erschienen
war, rannten mir die Reporter die Bude ein. Alle wollten bei der Party
2005 dabei sein, waren selber sooo große Fans und fanden das alles ganz,
ganz toll, was wir so machen.
Auch
der WDR nahm Kontakt auf. Man wollte uns sogar filmen. Ich fand prinzipiell
Dreharbeiten auf unserer Party nicht so gut, habe aber vom WDR eine einigermaßen
hohe Meinung und wollte nicht gleich absagen. Der WDR kam dann auch und
filmte auf der Party - puh, das war stressig.
Und
was haben sie mir vorher nicht alles versprochen: Man wollte eine Dokumentation
machen, dazu auch an die Original--Schauplätze fahren, Hoppe, Vorlíèek
und ©afránková interviewen und natürlich uns usw., usw.. Ja klar, dachte
ich, ihr wollt mich doch nur bequatschen. Aber was will man machen, filmen
durften sie natürlich.
Der
Frühling kam, die Aschenbrödel-Saison war vorbei, der Sommer war auch
schön und kein Ton vom WDR. Der Herbst brach an und meiner bescheidenen
Meinung nach wurde es langsam knapp für eine Dokumentation, die an Weihnachten
ausgestrahlt werden sollte. Außerdem kann ich mir beruflich für sowas
läppisches wie eine Sendung über mein Lieblingshobby nicht einfach frei
nehmen. Mein letzter Urlaub vor den Weihnachtstagen war im Oktober. Das
wusste der WDR und insgeheim hatte ich gehofft, dass man dann drehen konnte.
Mein Urlaub brach an - keine Nachricht vom WDR.
War
ja klar. Libu¹e interviewen - haha. Die Dame, die bekanntermaßen keine
Interviews gibt. An die Originalschauplätze fahren - genau. Viel zu teuer.
Uns zu Hause filmen - Spitzen-Idee. Normaler als wir zu sein geht kaum.
Also finden wir uns mit dem Gedanken ab: Es wird eine kurze Billig-Produktion
ohne viel Neues, vielleicht mit ein paar Szenen aus dem Film, die von
irgendwem gelobt werden, Interviews mit WDR-Leuten und ein paar Bildern
von der Party - nichts weltbewegendes. Erfahren werden wir das alles dann
aus der Fernsehzeitung.
Ja, ich bin immer so negativ. Man kann sich daher meine
Überraschung vorstellen, als der WDR in Gestalt eines Herrn Thomas Förster
Anfang Oktober bei uns anrief. Was ja noch nichts heißen musste. Doch
je länger Herr Förster sprach, desto dringender wollte ich mich setzen:
Man wolle nun an der Dokumenation weiterarbeiten. Dazu werde man nach
Prag und Barrandov fahren, Leute, die bei den Dreharbeiten dabei waren
interviewen und auch in den Fundus gehen. Mit mir würde man gern in ©vihov
drehen und zwar an einem Wochenende im November, ob das ginge?
KREISCH!
In den nächsten Tagen wurden die Details festgelegt,
ich musste unsere Urlaubsfotos aus dem Osten nach Köln mailen und mir
wurde klar: Das wird ein Hammer. Der WDR stieg von einem der guten zum
vermutlich besten Sender auf und ich leistete stumme Abbitte: Nein, der
WDR würde keine Billig-Produktion machen, er würde es sich auch nicht
einfach machen.
Auf der Liste standen:
Die Party, man habe starke Bilder erhalten.
Der Fundus mit dem Aschenbrödel-auf-dem-Ball von der letzten Party - ob
ich den Kontakt herstellen könne.
Moritzburg von außen, da ja innen nichts gedreht worden sei.
Ein Interview mit Herrn Hoppe, dessen Agentur schon Interesse geäußert
habe, am besten in Moritzburg.
Ein Gespräch mit Vorlíèek und falls möglich auch mit Libu¹e.
Und mein Freund und ich, nachstellend, wie wir in ©vihov den Hof der Stiefmutter
gefunden haben.
Ob wir den goldenen Schuh mitbringen könnten, der vor der Tür zur Party
gelegen hatte.
Die Kollegen in Tschechien hätten schon Kontakt zum Leiter
der Burg aufgenommen und sogar jemanden aufgetrieben, der damals bei den
Dreharbeiten dabei war. Der Termin stand auch fest: am Samstag, 5. November
wollte man mit uns in ©vihov drehen, am Sonntag dann in Prag, Montags
das Interview mit Vorlièek und am 11., 12, oder 13. November in Moritzburg.
Inzwischen hatte ich auch geschnallt, dass der nette Mensch, mit dem ich
nun mehrfach telefonierte und mailte einer der beiden Autoren dieser Dokumentation
war. Der andere Autor war Frau Jansen, die die Dreharbeiten auf der Party
geleitet hatte.
Wie schon öfter, seit ich dieses Hobby betreibe, bedeckte
in den kommenden Tagen ein Dauergrinsen mein Gesicht. Wir fuhren nach
©vihov! An einem Wochenende!! Auf Kosten des WDR! Besser
ging's nicht. Ob der WDR auch all die anderen Dinge hinbekommen würde,
die geplant waren, würden wir mal abwarten. Fakt aber war, dass man sich
offenbar viel Mühe mit diesem Projekt gab und bereitwillig einiges an
Arbeit und Geld hineinsteckte. Uns sagte man zwar, dass wir kein Honorar,
nur Benzingeld, Kost und Logis bekommen würden, aber das war uns natürlich
völlig egal - ich wäre sowieso auch auf eigene Kosten hingefahren.
Nur vor einem hatte ich Angst: Wir sollten in ©vihov
nachstellen, wie uns vor ein paar Jahren klar geworden war, dass die Wasserburg
doch der Hof der Stiefmutter ist. Ich musste Herrn Förster sogar die Screenshots
schicken, die wir damals dabei gehabt hatten. Sollten wir Laiendarsteller
das Ganze etwa schauspielen? So tun, als wären wir noch nie da gewesen??
Das würde gnadenlos schlecht werden! Hoffentlich bekamen wir noch genauere
Anweisungen.
Da
wir Samstags vor die Kamera treten sollten, mussten wir Freitag nach der
Arbeit losfahren. Nach 670 km mangels Autobahnen teilweise über Land kamen
wir gegen halb zwölf (nachts) in der Kreisstadt Klatovy an, wo uns unser
geräumiges Hotelzimmer schon erwartete und die vier Menschen vom WDR noch
in der Gaststube saßen. Nachdem die Eckdaten für den kommenden Tag geklärt
waren, gingen der Tontechniker und der Kameramann sowie Frau Jansen dann
auch bald ins Bett. Nur Herr Förster blieb übrig und quatschte noch mit
uns. Er erzählte, dass sie schon am nächsten Tag mit Herrn Vorlíèek in
Prag verabredet waren. Sie hätten es auch bei Frau ©afránková versucht,
wären aber immer wieder gescheitert. Es sei schwierig gewesen, überhaupt
einen Kontakt herzustellen, dann habe Frau ©afránková sie immer wieder
vertröstet, sie drehe gerade, sie sei im Ausland, und die letzte Nachricht
von den Kollegen aus Prag von gestern Mittag besagte, sie sei nun krank.
Wir fanden es total klasse, dass der WDR sich diese Mühe gemacht und es
so hartnäckig versucht hatte. Immerhin ist Frau ©afránková ja als absolut
pressescheu bekannt und hat seit ihren von einem Schmierenblatt erlogenen
Alkohol- und Eheproblemen wenig oder gar keine Interviews gegeben.
Am
nächsten Tag war das Wetter nicht so berauschend, es nieselte und war
kalt. Auf der Burg sollten wir einen Einheimischen treffen, der bei den
Dreharbeiten dabei gewesen war, in welcher Funktion wussten wir aber nicht.
Es hieß, er habe für die Schauspieler und die Crew gekocht. Wir nahmen
an, dass es sich um eine Art Caterer handelte und machten uns Notizen,
was wir ihn fragen wollten.
Nach dem Frühtsück packte das Fernsehteam seine Sachen
in den WDR-Dienstwagen und zog los und wir fuhren in unserem Brödelmobil
hinterher die 10 km bis nach ©vihov. Was erwartete uns? Herr Förster hatte
uns keine Anweisungen gegeben, ja er hatte sich sogar geweigert, seine
Vorstellungen konkret zu benennen. Ebenso wollte er von uns keine Einzelheiten
über unseren Trip von 2002 wissen. Nun, wir waren hier, bewaffnet mit
zwei Digitalkameras, und freuten uns schon jetzt, egal, was der WDR mit
uns vorhatte.
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Es musste erst mal die ganze Technik in Schwung gebracht werden.
Wir bekamen auf sehr höfliche und vorsichtige Art Mikrofone angesteckt
und Frau Jansen zog mit dem goldenen Schuh los.
Herr Förster leitete diesmal die Aufnahmen. Beide Autoren hatten
die Erfahrung gemacht, dass es besser war, wenn jeweils nur einer
von ihnen beim Drehen das Heft in der Hand hielt und wechselten
sich ab.
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Der
vom WDR bestellte Übersetzter war schon vor Ort und ging nach kurzer Besprechung
mit Herrn Förster zum Burgherrn um sich das Tor der Burg aufschließen
zu lassen. Während das Fernsehteam arbeitete standen wir daneben und waren
einfach nur glücklich. Wir hatten gar nicht mehr damit gerechnet, dieses
Jahr noch nach Tschechien zu kommen und nun das.
Als
Einstieg sollten wir nun erst ein paarmal auf die Burg zugehen und uns
unterhalten. Ach du Schande, unterhalten? Worüber denn? Och, irgendwas
über die Burg vielleicht, dass wir uns freuten da zu sein oder so. Ich
schluckte. Daran, dass ich nun im Fernsehen belanglosen small-talk vortäuschen
sollte, hatte ich nicht gedacht. Entsprechend bescheuert kam ich mir vor,
als ich so elementare Sätze sagte, wie "ja, nun sind wir wieder hier
- schön". Zum Glück mussten wir das nur zweimal machen, mir fiel
auch wirklich nichts mehr ein.
Es
begann immer stärker zu regnen und nun wurde Herr Förster kreativ. Sven
musste unsere Fotomappe zeigen und ich wartete mühsam seriös schauend
ab, was auf mich zukam. Die arme Frau Jansen wurde derweil vom Übersetzer
in ein längeres Gespräch verwickelt und ging, um die anderen nicht zu
stören, mit diesem netten Herrn erst mal ein Ründchen um die Burg. Sie
tat mir jetzt schon Leid, da sie sicher auch Ideen hatte und gern etwas
noch sinnvolleres getan hätte, aber beide Autoren hielten sich strikt
an die Trennung "ihrer" Tage.
Während
wir darauf warteten, dass der Regen nachließ, posierten der Kameramann
und der Tontechniker bereitwillig mit uns für ein Foto vor der Burg. Der
Kameramann versuchte, den großen Turm einzufangen. Jetzt sollten wir mal
vormachen, wie das damals abgelaufen war in unserem Urlaub. Kamera und
Ton liefen und zu meiner großen Erleichterung stellte Herr Förster die
Frage, wie es gewesen sei, als wir den Burghof betreten hatten. So mussten
wir nun
gottseidank nicht so tun, als wären wir zum ersten mal hier, sondern konnten
erzählen, wie wir es vor drei Jahren empfunden hatten. DEN Text mussten
wir uns nicht ausdenken. Herr Förster fragte auch nach den Screenshots
und wir brabbelten fröhlich drauflos. Herrlich.
Die Filmcrew war supernett und lobte uns alle naselang.
Wenn sie uns nicht lobten, dann machten sie ganz behutsam formulierte
Bemerkungen um uns möglichst sanft in die Richtung zu bugsieren, wo sie
uns hinhaben wollten. Wir fanden das lustig und sehr lieb und hätten auch
auf Kommando Männchen gemacht, aber Kommandos gab es nicht. Später haben
wir vermutet, dass die häufige Arbeit mit Leuten von der Straße, engagierten
Vereinsmitgliedern und von ihrer Sache überzeugten Normalverbrauchern
zu enormem Einfühlungsvermögen und großer Sensibilität bei den WDR-Mitarbeitern
führt. Sehr angenehm.
Im
Innenhof waren wir scheinbar jetzt fertig, denn nun wollte Herr Förster
uns filmen, wie wir außen um die Mauer herum gehen. Da sich die Burg hinter
der roten Ziegelmauer und duch die kahlen Äste eines Baumes von ihrer
romantischsten Seite zeigte, wurde auch das noch schnell gefilmt.
Hinter der Burg drehte man, wie Sven den Persektiventrick mit dem falschen
Tor aufgedeckt hatte und dann sahen sich die Herren erst mal das Material
auf der Kamera an. Man soll es kaum glauben, aber es war schon Mittag.
Ich hatte Hunger und die vage Hoffnung, dass man irgendwann in der kleinen
Kneipe einzukehren gedachte, vor der unsere Autos parkten. Doch ich musste
feststellen, dass sowas wie Essenspausen im Dokumentarfilmerbusiness nicht
existieren. Zum Glück hatten wir noch eine Banane im Wagen.
Die
drei Herren schienen zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein und nun ging es
wieder zurück vor die Burg. Wir hatten den goldenen Schuh mitgebracht,
der sonst nur einmal im Jahr an die frische Luft kommt, nämlich wenn er
bei der Aschenbrödel-Party vor der Tür liegt. Bilder dieses Schuhs sollten
sich wie ein geheimnisvoller roter Faden durch die ganze Dokumentation
ziehen. Natürlich sollte er auch vor Svihov zum Einsatz kommen, nur wo?
Der Zugang zur Burg ist recht unromantisch, aber Frau Jansen versuchte
das beste daraus zu machen und den Schuh für die Kamera nett zu platzieren.
Ich war nun schon ziemlich durchgefroren und verfluchte
mein dünnes Mäntelchen. Hätte ich doch den Fellmantel angezogen, aber
Sven war der Meinung, darin sähe ich aus wie eine Glocke. Tja, wer schön
sein will muss Zwang leiden, um mal unpassenderweise mit Hans-Christian
Andersen zu sprechen.
Das
Team hatte in Kälte und Nieselregen nun schon 10 Minuten mit dem Abfilmen
des Schuhs zugebracht und war immer noch nicht zufrieden. Man
wollte es damit noch mal innerhalb der der Burg versuchen. Der Tontechniker,
Frau Jansen und wir stellten uns schließlich im mächtigen Burgtor unter,
während Herr Förster und der Kameramann unverdrossen eine um die andere
Postion von Kamera und Schuh ausprobierten.
Dann
waren wir wieder dran. Wir sollten nun unsere zweite Entdeckung erklären,
also die Tatsache, dass Holztreppe und Balkon des stiefmütterlichen Gutes
an die leeren Fensterhöhlen der Ruinenmauer angebaut worden waren.
Wir
bekamen gezeigt, wo wir herlaufen und stehenbleiben sollten. Herr Förster
stellte wieder schön einfache Fragen und so waren diese Aufnahmen schnell
im Kasten. So wie sie später geschnitten wurden, denken vermutlich alle,
die Nägel in der Mauer wären ganz sicher und auf jeden Fall von den damaligen
Kulissen - hihi.
Während
wir noch beschäftigt waren, kam ein älterer Herr auf den Burghof, es musste
sich um den Zeitzeugen handeln, von dem im Vorfeld die Rede gewesen war.
Er hieß Veselý, was, wie
er uns sofort in gebrochenem Deutsch mitteilte, "Herr Lustig"
bedeutete. Herr Veselý war sehr freundlich und hilfsbereit und wir waren
schon sehr gespannt, was er zu erzählen hatte. Leider stellte ich fest,
dass ich den Zettel mit den Fragen in unserem Hotelzimmer liegen gelassen
hatte. Typisch.
Der
Übersetzer machte mit Herrn Veselý small-talk, während der Kameramann
den Akku wechseln musste und alle vier WDR-Menschen überlegten, wie man
nun weiter vorgehen wollte. Der Dreh mit Herrn Veselý sollte in dem Gasthof
"Restaurace U Hradu" stattfinden. Nach und nach wurde uns klar,
dass Herr Veselý kein caternder Koch gewesen war, sondern 1973/74 in dem
Restaurant gearbeitet hatte als die gesamte Filmcrew und auch die Darsteller
während der Dreharbeiten auf Burg ©vihov dort gegessen hatten. Damit erübrigten
sich 70 % der Fragen, die wir uns ausgedacht hatten und nun bekam ich
wirklich Angst. Die restlichen 30 % begann ich auch schon zu vergessen
und ich war heilfroh, dass Sven dabei war, der bei sowas immer völlig
ruhig bleibt und dem spontan schlaue Dinge einfallen.
Doch
die erste Hürde war nicht unsere Fragestunde mit Herrn Veselý sondern
der dringende Wunsch des Doku-Teams, uns drei bei der Begrüßung und beim
gemeinsamen Betreten des Restaurants zu filmen. Der Übersetzter erklärte
Herrn Veselý, der seinen alten Wagen schon vor den Stufen des Gasthofes
geparkt hatte, was sich die Filmleute vorstellen. Er sollte aussteigen,
wir sollten auf ihn zugehen, man sollte sich begrüßen (Sprache egal) und
dann sollte man gemeinsam in die Kneipe gehen. Alles klar. Nur, dass Herr
Veselý auf keinen Fall sein Auto unabgeschlossen auf dem menschenleeren
kalten Dorfplatz stehen lassen wollte und dermaßen lieb und freundlich
und hilfsbereit war, dass er auch dem Kamerateam die Tür aufhielt. Im
Restaurace U Hradu war er natürlich bekannt und wurde herzlich begrüßt
und so dauerte es ein bisschen, bis der WDR hatte, was er wollte.
Im
Gasthof selber musste natürlich erst mal für eine Drehgenehmigung gesorgt
werden. Das war mir gar nicht so unrecht, denn dort stand ein glühend
heißer Bollerofen von dem ich mich am liebsten nicht mehr wegbewegt hätte.
Wir quatschten ein bisschen mit dem Übersetzer und Herrn Veselý und wussten
bald das tschechische Wort für "warm" (hab ich allerdings schon
wieder vergessen) und dass Frau ©afránková zum Essen immer gleich neben
dem Ofen an einem Tisch gesessen hatte. Außerdem war Herr Veselý begeistert
von unseren Dreharbeiten und betonte, wie gut und wichtig es für den Ort
©vihov sei, etwas Publicity zu bekommen und wie sehr er sich auch für
den Heimatverein, in dem er tätig sei, darüber freue.
In
dem für die Kamera recht düsteren Raum suchte der Kameramann eine Position
zum Filmen. Wir bekamen in der Zeit erklärt, wie sich Herr Förster das
"Interview" mit Herrn Veselý vorstellte: Sven und ich sollten
eine Frage stellen (welche wurde uns völlig freigestellt), die dann für
Herrn Veselý übersetzt wurde. Dann mussten wir die Frage nochmal stellen
und DANN durfte Herr Veselý antworten. Man wollte also unsere Frage und
Herrn Veselýs Antwort in einem Rutsch filmen. Oha. Erstens
wollte natürlich Herr Veselý am liebsten immer gleich sofort antworten,
wenn er die Frage verstanden hatte und gab sich große Mühe, das nicht
zu tun und zweitens - und viel schlimmer - kamen meine Fragen völlig konfus
formuliert heraus und jedesmal, wenn ich sie wiederholen sollte, musste
ich scharf nachdenken, um alles wieder zusammenzukriegen ohne ins Stocken
zu geraten. Das war wirklich schlimm. Ich war total nervös und ideenleer
und nach vier oder fünf halbwegs intelligenten Fragen fielen mir keine
weiteren ein, aber der WDR wollte mehr. Sven rettete mich mehrere male,
indem er irgendwas passendes fragte. Vergessen habe ich dabei, ob die
Brathähnchen, die Dora unter die Nase gehalten werden, auch aus dem Restaurace
U Hradu stammen.
Für Frau Jansen war diese Zeit auch nicht besonders angenehm,
denn da sie sich aus dem Dreh heraushalten wollte, hatte sie sich ein
Stück entfernt von uns in die Gaststube gesetzt und wurde sofort Opfer
alkoholgeschwängerter Flirtversuche. Schließlich war aber auch das überstanden
und gegen zwei Uhr nachmittags waren wir fertig mit dem Teil, der uns
betraf. Wir setzten uns noch ein habes Stündchen gemütlich zusammen um
festzustellen, dass es in dem Gasthof
samstagsnachmittags kein Essen gab. Nun kamen die interessanten Fakten
über Herrn Veselý zutage: in den 1960er Jahren war er mal Bürgermeister
von ©vihov gewesen. Nach 1968 aber waren er und seine Frau dem Regime
unbequem und er wurde seines Postens enthoben. Ihren Lebensunterhalt hatten
sich die beiden anschließend als Koch und Servicekraft im Restaurace U
Hradu verdienen müssen. So kam es, dass der engagierte und freundliche
Herr Veselý Zeitzeuge der Dreharbeiten zu 3hfa geworden war. Es war sehr
nett, sich mit Hilfe des Übersetzers mit Herrn Veselý zu unterhalten,
der uns einlud, ©vihov und ihn doch noch einmal zu besuchen. Einmal im
Jahr fände in seinem Heimatort ein Festival statt, zu dem er uns herzlich
einlade.
Wir
mussten den schönen warmen Gasthof wieder verlassen, der Magen hing uns
auf den Knien und wir wussten: unsere Zusammenarbeit mit dem WDR nähert
sich dem Ende. Der Kameramann sollte uns nur noch eben bei der Anfahrt
zur Burg drehen. Wir putzten also die schnell beschlagenden Scheiben unseres
Corsa und drehten ein Ründchen. Dabei mussten wir wieder irgendwas erzählen.
Unsere am Rückspiegel baumelnden Haselnüsse, die ich überfallartig noch
zwei Tage zuvor aus Stoffresten zusammengehauen hatte, faszinierten besonders
(ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert) und der Kameramann kletterte
hochzufrieden hinter dem Fahrersitz hervor.
Frau Jansen, die sich den ganzen Tag nicht nur aus den
Dreharbeiten herausgehalten hatte, sondern auch noch stundenlang mit dem
Übersetzer gesprochen und als Höhepunkt ihres Tages die Anmache der Einheimische
hatte abwehren müssen, hatte nun den Kaffee auf. Einmal wenigstens wollte
sie heute etwas sinnvolles tun und so schnappte sie sich nach kurzer Diskussion
mit Herrn Förster den goldenen Schuh und den Kameramann und dampfte ab
Richtung Ortsausgang. Dort gibt es eine Stelle, von der aus man den gesamten
Komplex der Wasserburg schön in der Landschaft liegen sehen kann und da
wollte sie nun den Schuh filmen. Herrn Försters Meingung nach ein sinnloses
Unterfangen, weil der Schuh viel zu groß und die Burg viel zu klein aussehen
und diese Einstellung daher nicht brauchbar sein würde. Wie man in der
fertigen Doku sehen kann, hat sich Frau Jansen aber durchgesetzt und schlecht
ist die Szene nicht geworden, oder?
Jetzt war es wirklich vorbei. Die Filmleute würden jetzt
sofort nach Prag fahren um morgen Herrn Vorlíèek zu treffen. Ich wusste
ja schon was kam, aber fragen mussten wir natürlich - weil ich mich nicht
traute, machte Sven das für mich: ob wir wohl beim Interview in Prag dabei
sein dürften? Wir würden auch nicht stören und ganz hinten in der letzten
Ecke sitzen. Herr Förster besprach sich mit den anderen und erklärte uns
dann in seiner netten Art, dass das leider nicht ginge. Wenn man mit Prominenten
filme, dann müsse man immer angeben, wie viele und welche Leute dabei
sein würden und daher könne man dann nicht einfach mit zwei Fans im Schlepptau
auftauchen. Das verstanden wir natürlich und wenn wir eins vermeiden wollten,
dann, dass irgendwas wegen uns nicht klappte. So bedankten wir uns und
verabschiedeten uns vom WDR. Die Filmleute waren auch jetzt hungrig, durchgefroren
und mit zwei Stunden Fahrt vor sich noch supernett und lobten uns, dass
alles so gut geklappt hätte. Wirklich schön.
Der
WDR machte sich also auf gen Prag und Sven und ich fuhren zurück in unser
Hotel, wo wir erst mal ca. 3000 kcal und ein paar Gläser von dem guten
tschechischen Bier verdrückten und drei Stunden schliefen. Wir waren irgendwie
fertig.
Am nächsten Tag sahen wir uns die hübsche Kreisstadt
Klatovy an und hielten auf dem Heimweg natürlich nochmal in ©vihov - jetzt
mit Wintermantel. 
Auf der Autobahn erreichte uns dann gegen 18 Uhr eine SMS von Herrn Förster:
Der Dreh sei gut verlaufen und überraschend sei um 12 Uhr Frau ©afránková
in dem Café aufgetaucht!! Wir waren baff und freuten uns riesig. Jetzt
hofften wir nur, dass sie auch etwas gesagt hatte, was man senden konnte
und nicht nach 5 Minuten wieder gegangen war. Offenbar hatte letztlich
Vorlíèek sie überredet, doch mal vorbeizuschauen.
Für uns war der Dreh vorbei und wir wussten nicht, was
dabei herauskommen würde und was noch alles geklappt oder nicht funktioniert
hatte. Nun hieß es für uns warten bis zum 24. Dezember. Ausgerechnet am
späten Nachmittag würde die Dokumentation mit dem passenden Titel "Wenn
Märchen wahr werden" ausgestrahlt werden. Da die Weihnachtsrituale
vor allem in meiner Familie recht festgefahren sind, war der Kommentar
meiner Mutter vorhersehbar, als ich Ende November ankündigte, am Heilig-Nachmittag
unbedingt stundenlang vor dem Fernseher sitzen zu müssen: "Den Baum
schmückst du aber trotzdem, oder?!"
Der Baum wurde morgens fertig gemacht so dass ich nach
dem Essen zu Svens Familie fahren und mit ihnen "Wir warten auf's
Christkind" im WDR (natürlich) gucken konnte. Dort wurden auch Szenen
von der Party gezeigt und immer wenn Sven ins Bild kam brüllte die gesamte
Familie "da ist unser Junge!" - jetzt wissen die auch, was wir
einmal im Jahr so treiben. Unsere Tanzlehrerin Mona brachte übrigens in
dieser Sendung Katty Salié das Tanzen mit dem Märchenprinzen bei (Artikel
folgt)!
Während im Anschluss "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"
lief, fuhren Sven und ich zu meinen Eltern (den Film haben wir nämlich
schonmal gesehen). Dort lief dann gleich nach 3hfa "unsere"
Dokumentation, die natürlich meine komplette Familie mit anschauen wollte.
Mit einem Klavierakkord ging es los, der Meister selbst saß am Flügel
und mir lief der erste Schauer über den Rücken. Die ganze Zeit saßen wir
Händchen haltend vor dem Fernseher und saugten jede Szene in uns auf.
Das Konzept gefiel uns außerordentlich gut, die Sprecherin klang sympathisch
und die Idee mit dem Schuh funktionierte hervorragend. Der Gruppenführer
auf Schloss Moritzburg war klasse, Vorlíèek supernett, von Svoboda wünschte
ich mir eine CD mit Klaviervariationen über die Filmmusik, Frau Neff fanden
wir lustig, die mit offenen Mündern 3hfa im Schlosskino schauenden Kinder
süß, die liebe Frau Vitvárová zeigte ihren tollen Fundus und wir kamen
auch ganz gut weg.
Und
dann kam SIE: die Gottkönigin des tschechischen Märchenfilms, schön wie
immer und ein Lächeln wie mit 19. Ich wäre in Anbetung auf den Teppich
gesunken, wenn ich dann nicht die Augen vom Bildschirm hätte nehmen müssen.
Der WDR hatte es mit Vorlíèeks Hilfe wirklich geschafft! Wahnsinn. Eine
absolut traumhafte Dokumentation durch die für mich wirklich ein Märchen
wahr geworden ist. Danke, WDR und danke, Herr Förster und Frau Jansen!
Übrigens: Wenn IHR Fans nicht so viele wärt und
so ein großes Forum und so viel Nachfrage erzeugen würdet dann hätte ich
auf die Erfüllung dieses Traums bis zum Sankt Nimmerleinstag warten können.
SUPER GEMACHT!
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